Brandschutz bei hinterlüfteten Fassadenkonstruktionen

Vorgehängte hinterlüftete Fassadenkonstruktionen (VHF) gelten im bau-physikalischen Sinne als sicherer Gebäudeschutz. Durch die bautechni-sche Trennung von der äußeren Bekleidungsschale – sie dient nicht nur dem Witterungsschutz, sondern bestimmt auch das Gebäudedesign – und der tragende Hintermauerschale durch eine Luftschicht, gibt entste-hen zwei unabhängig belastbare Schalen. Die äußere sichert den Schutz vor Wind uns Wetter, die innere übernimmt die belastbare statische Funktion.

 

Den heute wichtigen Wärmeschutz übernimmt die zwischen beiden Schalen montierte, durch einen Luftspalt von der äußeren Fassadenbe-kleidung getrennt angeordnete, Wärmedämmschicht aus unterschiedli-chen Dämmstoffen. Diese sind zwischen der Unterkonstruktion zur Befe-stigung der Vorhangfassade angeordnet. Diese Unterkonstruktion kann sowohl als Holzkonterlattung, bis zu einer bestimmten Gebäudehöhe, wie auch als Systemunterkonstruktion aus Metall ausgeführt werden. Wegen der Windbelastung (Druck, Sog) muss die Unterkonstruktion sta-tisch sicher mit der Hintermauerschale verbunden werden.
Die breite Palette der zur Auswahl stehenden Bekleidungswerkstoffe und Materialkombinationen kombiniert mit der Möglichkeit einer sichtbaren oder unsichtbaren Befestigung ergibt sich für das system Vorhangfassa-de eine breite Gestaltungsvielfalt.
Generell gilt eine Vorhangfassade als langlebig. Bewährte Werkstoffe für die sichtbare Fassadenfläche sind Tafeln und Formkörper aus Metall, Faserzement, HPL- und faserverstärkte Harzkompositplatten, Aluminium-Verbundplatten, Keramik und Feinsteinzeug sowie kleinschuppige Bekleidungen aus Naturschiefer, Holzschindeln, Faserzement und Ziegel. Zudem liefert die Industrie Trägerplattensysteme für Applikationen mit Putzstruktur, Glas, Naturwerkstein, Keramik oder Metallen.

  

Unterkonstruktion

Für Gebäude geringer oder mittlerer Höhe – die genaue Definition bestimmen die einzelnen Bundesländer in ihrer Landesbauordnung (LBO) – dürfen Unterkonstruktionen aus Holzkonterlattung eingebaut werden. Solche Holzkonstruktionen findet man vielfach an alten Einfami-lienhäuser, Reihenhäusern und Geschosswohngebäuden bis 22 m Gebäudehöhe, bis etwa Baujahr 2000. Diese Konstruktion war besonders in den Jahren 1950 bis 1990 beliebt.


Für Neubauten – aber auch zur Sanierung von Altbauten – werden heute hauptsächlich Unterkonstruktionen (UK) aus Stahlblechprofilen oder Aluminium verwendet. Die Systemlösungen bestehen meist aus folgenden Einzelkomponenten:

  • Bekleidung
  • Metallsystem-Tragprofile
  • Abstandhalter
  • Befestigungs-, Verbindungs- und Verankerungselemente
  • Dämmstoffe und Dämmstoffhalter
  • Ergänzungsteile, Systemteile.


Seit der Einführung der heute gültigen EnEV 2009 müssen bei Neubauten und Sanierungen dickere Dämmstoffdicken, in der Regel zwiswchen 10 cm und 15 cm, ausgeführt werden. Die verwendeten Industrie-Massendämmstoffe sind brandschutztechnisch in zwei Gruppen einzu-ordnen: schwerentflammbar und nichtbrennbar, wobei der Unterschied nur in der Zeitdauer bis zum eigentlichen Vollbrand liegt. Doch zur brandschutztechnischen Beurteilung der VHF zählt nicht allein die Feu-erwiderstandsklasse des Dämmstoffs, sondern insbesondere die Feuerwiderstandsdauer der Konstruktion.

 

Bauordnungsrecht VHF

Die Brandschutzanforderungen an VHF sind in Bauordnungen der 16 Bundesländer (LBO), Sonderbauverordnungen und Richtlinien eindeutig festgelegt. Zusätzlöich müssen noch in Abhängigkeit von Gebäudegrö-ße, Nutzung und Ausstattung weitere Richtlinien und Verordnungen be-achtet werden. Die wesentlichen Bestimmungen darüber findet man in:

  • Landesbauordnung (LBO)
  • Hochhausrichtlinien, -verordnungen
  • Garagenverordnung
  • Verordnung, Richtlinie über den Bau und Betrieb von Beherbergungsstätten, Gaststätten
  • Baulicher Brandschutz im Industriebau
  • Verordnung, Richtlinie über versammlungsstätten
  • Verkaufsstättenverordnung, Verkausfstättenrichtlinie
  • Richtlinien für Kindergärten
  • Brandschutztechnische Anforderungen für Heime
  • Krankenhaus-Richtlinien
  • Bauaufsichtliche Richtlinien für Schulen
  • Vorschriften für fliegende Bauten.

 

Die Bezeichnug der Bauten ist von Bundesland zu Bundesland unter-schiedlich. Zudem haben nicht alle Bundesländer zu den aufgeführten Gebäudekategorien eigene Verordnungen erlassen. Zusätzlich zu den Bestimmungen gibt es noch eine von der ARGEBAU herausgegebene Musterordnung bzw. Musterrichtlinie.

  

Anforderungen an Gebäude

In Tabellen 1 und 2 sind die Brandschutzanforderungen der LBO an VHF für Gebäude unterhalb der Hochhausgrenze dargestellt. In der LBO wer-den zwei Höhenbereiche und fünf Gebäudeklassen genannt.
Als „Höhe“ wird das Maß der Fußbodenoberkante des höchstgelegenen Geschosses, in dem ein Aufenthaltsraum möglich oder ein Stellplatz vorgesehen ist, über der Geländeoberfläche bezeichnet. Allerdings ist diese Definition in manchen Landesbauordnungen unterschiedlich. Ur-sache dafür sind die in den Bundesländern von der Feuerwehr einge-setzten Rettungsgeräte.

Die Tabelle 1 zeigt die Bundesländer, die unterhalb der Hochhausgrenze nach zwei Höhenkategorien unterscheiden:

  • bis 7 Meter: Gebäude geringer Höhe und
  • bis 22 Meter:Gebäude mittlerer Höhe.


Die folgende Tabelle listet die übrigen Bundesländer auf, die entsprechend der Muster-Bauordnung (MBO) nach fünf Gebäudeklassen unterscheiden.

 

 

 

Es reicht für Gebäude geringer und mittlerer Höhe bzw. der Gebäudeklassen 1 bis 5 aus, wenn schwerentflammbare Materialien für die Außenwandbekleidung inklusive der Wärmedämmung und Unterkonstruktion verwendet werden. Einzelne Bundesländer lassen auch Außenwandbekleidungen bei Gebäuden geringer Höhe bzw. der Gebäudeklassen 1 bis 3 aus Baustoffen der Klasse B2 – wie beispielsweise Holzbaustoffe – zu. Ausgeschlossen ist in allen LBO der Einbau leichtentflammbarer Baustoffe.

In die Muster-Liste der Technischen Baubestimmungen, Teil1, September 2008, werden die in den LBO’s bzw. der MBO nicht näher festgelegten Bestimmungen zu geschossübergreifenden bzw. zu über Brandwände hinweg geführten Hohl- und Lufträumen von hinterlüfteten Außenwandbekleidungen technisch festgelegt:

  • die Wärmedämmschicht muss nichtbrennbar sein,
  • der Hinterlüftungsspalt darf bei Holz-UK nicht mehr als 50 mm und bei Metall-UK nicht mehr als 150 mm sein,
  • Horizontale Brandsperren müssen in jedem zweiten Geschoss sein,
  • Laibungen von Öffnungen in der Fassade (Fenster, Türen) dürfen unter bestimmten Bedingungen Bestandteil der Brandsperren sein,
  • der Hinterlüftungsspalt darf über die Brandwand nicht hinweg geführt werden,
  • bei Fassaden ohne Öffnungen sind horizontale Brandsperren nicht erforderlich, wenn die Außenwandbekleidung ausschließlich aus nichtbrennbaren Materialien besteht und durtch die Art der Fensteranordnung eine Brandausbreitung im Hinterlüftungsspalt ausgeschlossen ist.

 

Hochhäuser

Als Hochhäuser gelten Gebäude, in denen der Fußboden des obersten Geschosses, in dem Aufenthaltsräume vorgesehen sind, mehr als 22 Meter über der festgesetzten Geländeoberfläche liegt. In den LBO’s werden zwei voneinander unabhängige Rettungswege, die Bestandteil des Gebäudes ein müssen, gefordert. Zudem werden höhere Anforderungen an die Nichtbrennbarkeit der Baustoffe sowie die Feuerwiderstandsdauer der Bauteile gestellt.

In den meisten Bundesländern wird für Bekleidung, Wämedämmstoff und Unterkonstruktion für Hochhäuser die Baustoffklasse A gefordert. Entsprechend der Muster-Hochhaus-Richtlinie (MHHR) 4/2008 müssen fassaden in allen Teilen aus nichtbrennbaren Baustoffen bestehen. Bei drei Ländern (NRW, MeckPom, Sachsen-Anhalt) dürfen schwerent-flammbare Baustoffe bis zu 60 Meter Gebäudehöhe verwendet werden. In Bayern dagegen sind dann nur 30 Meter Höhe erlaubt.


Hans Jürgen Krolkiewicz, berat. Ing. BDB,

Quelle: Wohnungswirtschaft-heute-Technik, Oktober 2010

 

 

Prof. Dr. Bogenstätter

Experte für technisches Gebäudemanagement

Mehr zu Prof. Dr. Bogenstätter ...

Stellen Sie uns Ihre Fragen

Haben Sie Fragen oder Anmerkungen zu unseren Beiträgen? Interessiert Sie ein Thema besonders? Haben Sie eigene Erfahrungen gemacht?

Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Erfahrungen. Ausgewählte Themen beantworten unsere Experten in einem ihrer nächsten Beiträge.

Hier können Sie Ihre Fragen stellen ...

Organisatorischer Brandschutz

Überprüfen von Leitungen, Objektbegehungen oder Mietersensibilisierung - organisatorische Aspekte sind wesentlicher Bestandteil des Brandschutzkonzeptes.

Zu den Maßnahmen ...

Technischer Brandschutz

Zur Sicherstellung erforderlicher Brandsicherheit stehen die unterschiedlichsten manuellen und automatischen Brandschutzanlagen als auch Brandbekämpfungseinrichtungen zur Verfügung. In Wohngebäuden kommen hier v.a. Rauchmelder, Feuerlöscher und Sprinkleranlagen in Frage.

Zu den Maßnahmen ...

Checklisten Schadenprävention

Wie sicher sind Ihre Immobilien? Mit unseren Checklisten finden Sie es heraus. Sie dienen dazu, Mängel und Schwachpunkte in den Wohngebäuden zielgerecht zu erfassen, um bereits frühzeitig Schäden zu verhindern.

Ergänzend stellen wir Ihnen das Formblatt "Sicherheitscheck: Auffälligkeiten" zur Verfügung. Dort kann der IST-Zustand der entsprechenden Gebäude transparent und übersichtlich dokumentiert werden. Es sollte als Basis für ggf. weitere notwendige Präventionsmaßnahmen dienen:

  

Überspannungsschutz in Wohngebäuden

 

Zu den Richtlinien ...